Hyperaktivität (ADHS)

Das Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) bezeichnet ein Verhalten, das sich durch notorische Unaufmerksamkeit, Konzentrationsstörungen, Impulsivität und Aktivitätssteigerung mit gesteigerter motorischer Unruhe ausdrückt.

Dies erfolgt in einem für den Entwicklungsstand des Kindes abnormen Ausmaß sowie situationsübergreifend. Auch ein Aufmerksamkeitsdefizit ohne Hyperaktivität ist bekannt, weshalb es oft als AD(H)S bezeichnet wird, um darauf hin zu weisen, dass Aufmerksamkeitsstörungen mit oder ohne Hyperaktivität auftreten können, die motorische Überaktivität also dabei sein kann, aber nicht muss. Hyperaktive Störungen beginnen in den ersten 5 Lebensjahren.

Seit dem Kinderbuch des Fraunkfurter Nervenarztes Heinrich Hoffmann "Der Struwwelpeter" aus dem Jahr 1845 mit dem "Zappelphilipp" wurden motorisch unruhige Kinder in vergleichbarer Weise als Störenfriede im familiären und sozialen Raum beschrieben.

Seriösen Schätzungen zufolge leiden nur ca. 4-7% der Kinder und Jugendlichen tatsächlich an dieser Symptomatik, wobei Buben 2 bis 9 mal häufiger betroffen sind als Mädchen.
AD(H)S ist aber mittlerweile zu einer großzügig verwendeten Diagnose geworden und viele Eltern denken sofort, wenn ihr Kind unruhig ist oder sich schlecht konzentrieren kann, es könnte unter AD(H)S leiden.

Tatsächlich ist AD(H)S in den letzten Jahren die am häufigsten diagnostizierte und am gegensätzlichsten diskutierte Verhaltensstörung geworden. Laut Hauptverband der Sozialversicherungen hat in Österreich in den Jahren 2006 bis 2008 der Verbrauch an Psychopharmaka bei Kindern zwischen 5 und 14 Jahren um 50% (!) zugenommen, wobei der Hauptanteil auf ADHS-Medikamente entfällt, obwohl hier die Langzeit-Nebenwirkungen bisher kaum untersucht worden sind. ( In Deutschland ist der Verbrauch an ADHS-Medikamenten wie beispielsweise Ritalin in den Jahren 1993 bis 2006 sogar um 3600% , oder anders ausgedrückt von 34kg auf 1221kg jährlich gestiegen).

Recht unterschiedlich und oft heftig von Vertretern der einzelnen Standpunkte diskutiert geht man mittlerweile von einem Geschehen aus, das von organischen, psychologischen und sozialen Einflüssen gemeinsam geprägt ist.

Die Gehirnentwicklung ist mit der Geburt keineswegs abgeschlossen. Sie ist von der Interaktion mit den nahen Bezugspersonen und später auch mit der weiteren Umwelt maßgeblich abhängig und letztlich durch unterschiedliche Erfahrungen ein Leben lang beinflussbar. Je jünger ein Kind , umso plastischer ist die Gehirnentwicklung. Das Gehirn wird nicht alleine von den Genen geformt. Untersuchungen konnten zeigen, dass frühkindliche Störungen im Beziehungsgeschehen (Frühe Bindungsstörungen) und Traumatisierungen sich in dramatischer Weise auch auf das kindliche Gehirn auswirken können, mit Auswirkungen auf psychischer und intellektueller Ebene. Genetisch besteht bei Kindern mit ADHS eine erhöhte Vulnerabilität, also eine etwas erhöhte Verwundbarkeit, dieses Störungsbild zu entwickeln. Allerdings bedarf es zusätzlicher psychischer und sozialer Bedingungen, damit dieses entstehen kann. Sind diese nicht gegeben, bleibt auch das Störungsbild aus.

Es gibt weitgehende Übereinstimmung darüber, dass die Entwicklung einer stabilen und gesunden Psyche auf genügend gute einfühlsame und stabile frühe Beziehungen angewiesen ist, die eine gute Regulierung von Bedürfnissen und Gefühlen ermöglicht und somit auch die Voraussetzung schafft, Gefühle adäquat ausdrücken zu können ohne sie motorisch abreagieren zu müssen. Bei großer Freude, Angst oder Wut gelingt es allen Menschen nicht mehr so gut, Gefühle kontrollieren zu können. Auf-und Abgehen, mit den Fingern nesteln, zitternde Beine, oder auch das freudige Hochspringen der Fußballfans im Stadion.

Wenn das "Gefühlsfass" überläuft, setzt die Motorik ein. Je jünger ein Kind ist, desto stärker ist dies ausgeprägt. Denken Sie an einen Säugling, der sowohl vor freudiger Erregung als auch vor Kummer und Schmerz seine Ärmchen und Beinchen bewegt. Psychische Belastungen und hier ist letztlich an Dauerbelastungen zu denken, können sich ähnlich dauerhaft auswirken. Ähnlich verhält es sich auch mit der Aufmerksamkeit. Schwirren Probleme im Kopf herum oder ist man von einer Überfülle von Eindrücken überreizt, lässt auch die Konzentration nach.

Auf sozialer Ebene steht ein erhöhter Leistungsanspruch in der Gesellschaft , sowie ein Überangebot an Informationen und medialen Reizen einer oft fehlenden Orientierung und schützenden haltgebenden Struktur und ebensolchen Beziehungen in Elternhaus und Schule gegenüber. Gleichzeitig wird der körperliche Bewegungsraum der Kinder zunehmend einschränkt. Die Gesellschaft produziert zwar Kinder mit dieser Problematik, toleriert sie aber nicht entsprechend und bringt die Kinder damit noch mehr unter Druck.

Eine Untersuchung aus den USA an Kleinkindern im Alter von 1,8 und 3,8 Jahren , die pro Tag durchschnittlich 2,2 und 3,6 Stunden pro Tag fernsahen, konnte zeigen: Je mehr Zeit sie in diesem Alter vor dem Fernseher verbrachten, umso höher war die Wahrscheinlichkeit, dass sie in der Grundschule unter gestörter Aufmerksamkeit litten.

Eine rein biochemische Erklärung bei der Entstehung von ADHS ist auf allen Ebenen zu kurz gegriffen.

Eine Fülle von anderen Störungsbildern, welche eine ähnliche Symptomatik aufweisen, müssen bei der Diagnostik ausgeschieden werden.

Die Diagnostik sollte eine medizinische, psychologische und eventuell pädagogische Diagnostik umfassen. und gegebenenfalls durch weitere Diagnostik ( z. B. : Ergotherapie, Logopädie) ergänzt werden. Grundlage stellt eine ausführliche Anamnese mit den Eltern und dem Kind dar, auf welcher aufbauend entsprechende Untersuchungsmethoden zum Einsatz kommen. Standardisierte Fragebögen alleine sind kein ausreichendes Instrument zur begründeten Diagnose! So vielschichtig die Hintergründe des Krankheitsbildes sind, so vielschichtig muss auch die Diagnosegestaltung sein.

Nach einer ausführlichen Besprechung der Diagnostikergebnisse mit den Eltern und je nach Alter auch mit dem Kind erfolgt eine kinderpsychotherapeutische Behandlung unter Einbeziehung der Eltern und manchmal auch des schulischen / weiteren sozialen Umfeldes des Kindes. Für den Großteil der hyperkinetischen Kinder ist eine nicht-medikamentöse Intervention die Methode der Wahl. Sollte es durch diese Maßnahmen nicht zu einem ausreichenden Erfolg kommen, beziehungsweise liegt eine unerträgliche Belastungssituation vor, ist auch eine medikamentöse Therapie zu erwägen, üblicherweise erst über einem Alter von 6 Jahren. Zur medikamentösen Behandlung des ADHS werden Substanzen eingesetzt, die den Dopaminstoffwechsel im Gehirn beeinflussen, etwa Methylphenidat und Amphetaminderivate.

Alle Eltern, die feststellen, dass mit Ihrem Kind etwas nicht so läuft, wie es sollte, sind irritiert, verängstigt und oft in Ihrem Elternsein sehr verletzt und gekränkt. Viele Eltern beginnen sich mit Schuldgefühlen zu überhäufen, was Sie falsch gemacht haben könnten. Obwohl es dafür meist keinen Grund gibt, da davon ausgegangen werden kann, dass alle Eltern es so gut machen, wie es ihnen möglich ist, kann der Druck von Schuldgefühlen doch auch sehr belastend sein. Dies ist besonders dann der Fall, wenn sie noch nicht in eine sichere unterstützende und haltgebende Erziehungsberatung eingebunden sind. In solch einer Situation ist es mitunter für Eltern sehr entlastend zu erfahren, dass ihr Kind ein Medikament erhält und alles rein medizinisch und hirnorganisch bedingt ist, was leider, sieht man sich die Medikationszahlen an, nicht so selten der Fall ist. Oft sind Eltern dafür dankbar und entwickeln die Idee, die Erkrankung liegt außerhalb Ihres Einflussbereiches. Damit bleibt aber das Kind mit seiner individuellen Problematik auf der Strecke.

Die schnellste scheinbar einfachste Lösung ist nicht immer die richtige! Die Medikamente können eine psychologische Betreuung nicht ersetzen.

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